ISO-Automatik – ein oft unterschätztes Power-Tool

Moderne Spiegelreflex-Kameras bieten, meist versteckt  in der Tiefe ihrer Menüs, eine zunehmende Fülle an "Einstellungsmöglichkeiten", deren Sinn sich dem geneigten Anwender nicht immer gleich erschliesst und die dann auch nur mit Vorsicht oder vielleicht besser gar nicht zur Anwendung kommen sollten ;-). Umso wichtiger ist es, diejenigen  Hilfen zu kennen und zu nutzen, die wirklich die eigene fotografische Arbeit voranbringen und zu sichtbar besseren Bildergebnissen führen. Ein regelrechtes "Power-Tool" ist für mich die ISO-Automatik meiner Nikon-Kameras, die ich in diesem Beitrag kurz vorstellen möchte.

Was ist eine ISO-Automatik?

Eine ISO-Automatik ermöglicht innerhalb der einstellbaren Grenzen auch unter rasch wechselnden und/oder einfach schlechten Lichtverhältnissen die Verwendung einer fix voreingestellten Kombination aus Blende und Verschlusszeit, indem sie drohende Über- oder Unterbelichtung durch sofortige Anpassungen der ISO-Empfindlichkeit ausgleicht und damit für eine stets korrekte Belichtung des Bildes sorgt. Es gibt ISO-Automatiken ganz unterschiedlicher Qualität und Intelligenz, die entsprechend auch sehr unterschiedlich brauchbar sind. Dieser Artikel bezieht sich auf die ISO-Automatik, die in aktuellen professionellen und semiprofessionellen Nikon-DSLR-Kameras zum Einsatz kommt, weil ich nur dieses Tool aus eigener Anwendung kenne und beurteilen kann.

Die ISO-Automatik in Spiegelreflex-Kameras von Nikon ermöglicht die Voreinstellung eines maximalen ISO-Wertes und einer maximalen Verschlusszeit und überlässt der Kamera die Wahl der jeweils geeigneten Werte-Kombination. Der Clou dabei ist der zugrunde liegende Algorithmus, der dafür sorgt, dass jeweils die Kombination gewählt wird, die mit der grössten Wahrscheinlichkeit ein brauchbares Foto liefert. Hierbei geht die Kamera (korrekt) davon aus, dass bei ausreichend vorhandenem Licht immer die schnellstmögliche (voreingestellte) Verschlusszeit mit der kleinsten möglichen Lichtempfindlichkeit (ISO-Wert) zum technisch besten, d. h. verwacklungsfreien und rauscharmen Foto führen. Ändern sich die Lichtverhältnisse so stark, dass die voreingestellten Werte nicht mehr erreicht werden können, macht die ISO-Automatik "Zugeständnisse" bei der Verschlusszeit, während der maximale voreingestellte ISO-Wert erhalten bleibt! Dies aufgrund der (wiederum korrekten) Annahme, dass das "Verrauschen" eines Bildes bei Überschreiten des ISO-Maximalwertes nicht verhindert werden kann, während ein technisch versierter Fotograf oder ein glücklicher Umstand das "Verwackeln"  vielleicht trotz einer längeren Verschlusszeit verhindern können.

Wer braucht eine ISO-Automatik, wer braucht sie nicht?

Ein Studio-Fotograf, der sein Licht selber setzt, sein williges Model persönlich aussucht, professionell schminkt und gezielt anweist, benötigt im Leben keine ISO-Automatik. Seine Könnerschaft besteht darin, mit einem Höchstmass an Kontrolle und Planung  ein ganz bestimmtes Bild oder eine fotografische Szene perfekt zu inszenieren. Ein Landschaftsfotograf, mit Stativ, Zeit und Überblick ausgestattet, wird eine ISO-Automatik auch eher selten vermissen.

Jeder Fotograf hingegen, der unter schlechten und/oder schwankenden Lichtverhältnissen schnell bewegte und flüchtige Objekte und Szenen fotografieren möchte, hat mit einem ganz generellen und unvermeidlichen Problem zu kämpfen, nämlich mit dem Faktor "Zeit". Hierzu zählen z. B.  Tierfotografen,  sofern sie in freier Wildbahn fotografieren, deren Sujets sich ja oft nicht einmal an bekannten und leicht zugänglichen Orten befinden, und sich in der Regel gar nicht gerne fotografieren lassen… Sie haben mit besonders vielen Handicaps zu kämpfen und ihr Erfolg hängt von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren ab, von glücklichen Zufällen und der Intuition, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, aber auch von Erfahrung, Geduld, vom Willen, ggf. echten Körpereinsatz zu leisten, von der technischen Qualität seines Equipments, von ihrer individuellen Schnelligkeit und Virtuosität im Umgang mit der Kamera und – ganz wichtig – von der cleveren Voreinstellung ihres Arbeitsgerätes, damit dieses in dem kurzen Moment, der für den perfekten Schuss zur Verfügung steht, das tut, was es tun soll. Aber selbst Sport-  und Hochzeitsfotografen, die gewöhnlich ja wissen, wen sie wann und wo fotografieren und in der Regel mit Einverständis ihrer Opfer arbeiten, profitieren bei Outdoor-Aufnahmen von einer guten ISO-Automatik. Im Grunde genommen alle Fotografen, die unter "Available Light"-Bedingungen oder allgemein unter ungünstigen Lichtverhältnissen Menschen oder andere bewegte Objekte fotografieren möchten.

Wo finde ich die ISO-Automatik und welche Optionen bietet sie?

Bei Nikon (und wohl auch bei allen anderen Kamera-Herstellern) findet sich die ISO-Automatik innerhalb des Menüs auf der Kamerarückseite. Bei der Nikon D4 lautet der Eintrag nach Aufrufen des Menüs unter dem Kamera-Symbol "ISO-Empfindlichkeits-Einst." Dort gibt es dann die Option, die ISO-Automatik ein- und auszuschalten und innerhalb der ISO-Automatik die Optionen der Festlegung "Maximale Empfindlichkeit" und "Längste Belichtungszeit".


Nikon D4 ISO-Automatik - Bild 1

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Wichtig für die praktische Nutzbarkeit ist hier, wie fein sich die Werte einstellen lassen. Bei der D4 gibt es bei den ISO-Werten gerade im unteren Bereich sehr kleine Abstufungen (200, 250, 320, 400, 500, 640, 800 etc.) und auch die Wahl der längsten Belichtungszeit lässt sich von 1s bis 1/4000s nahezu stufenlos regeln. Zudem gibt es hier zusätzlich noch die Möglichkeit, die Belichtungszeit ganz der Kamera zu überlassen (Automatik). Dies macht Sinn bei der gewöhnlichen Verwendung von Zoom-Objektiven, weil die Kamera dann sogar die grössere Verwacklungsgefahr mit steigender Brennweitenlänge mitberücksichtigt und die Verschlusszeit entsprechend verkürzt).

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Praxis der ISO-Automatik

Die ISO-Automatik erweist sich immer dann als echtes Power-Tool, wenn inkonstante, schwer vorhersehbare und/oder schlechte Lichtverhältnisse vorliegen, eine ganz bestimmte Verschlusszeit oder ISO-Zahl nicht über- oder unterschritten werden soll, Kompensationen über die Blendenöffnung nicht erfolgen können oder sollen und überhaupt immer dann, wenn situations- oder motivbedingt wenig Zeit bleibt, ISO-Werte manuell nachzuführen. Man denke z. B. an die Flugstudie eines Greifvogels, der sich zunächst von einem sonnenbeschienenen Baumwipfel erhebt, dann in den Schatten abtaucht, an einem dunklen Waldrand vorbeifliegt und schliesslich im Himmel über den Baumwipfeln verschwindet.  Oder an die Fotostrecke eines Blässhuhns oder eines Haubentauchers mit 8 Bildern/s, die mehrere Meter über die Wasseroberfläche laufen und dabei  schattige und besonnte Bereiche der Wasseroberfläche überqueren. Nehmen wir zusätzlich noch an, dass für eine formatfüllende Grösse ein Teleobjektiv mit Konverter verwendet wird und besonders hohe Verschlusszeiten benötigt werden, um eine ausreichende Schärfe zu erzielen. Dann wird mit ziemlicher Sicherheit neben einer weit offenen Blende auch ein Nachführen der ISO-Empfindlichkeit nötig sein, um die erforderlichen hohen Verschlusszeiten über die gesamte Wegstrecke hin zu ermöglichen. Ein anderes sinnvolles Anwendungsbeispiel für eine ISO-Automatik ist der gesamte Bereich der Available Light-Fotografie. Ich denke an nächtliche Strassenszenen mit Menschen oder Fahrzeugen, Konzertfotografie, Gesellschaften und Anlässe in beleuchteten Innenräumen und eigentlich alle Situationen, in denen Menschen, Szenen, Stimmungen bei geringem Licht ohne Blitz mit einer definierten Verschlussgeschwindigkeit portraitiert werden sollen. Ich selber verwende die ISO-Automatik ausser bei der Tierfotografie besonders gerne und erfolgreich auch bei Kinderportraits. Weil Kinder häufig besonders lebhaft sind, benötigen ausreichend scharfe Portraits bereits bei moderaten Brennweiten zwischen 70-105mm meist Belichtungszeiten von >1/250s. Meine Standardeinstellung bei der D4 für Kinderportraits lautet daher:

ISO-Automatik: Ein
Maximaler ISO-Wert: 3200 (bei sehr schlechtem Licht auch problemlos 6400 und selten sogar 8000)
Maximale Verschlusszeit: 1/320s

Das liest sich vielleicht dramatisch, führt aber tatsächlich zu einer enorm höheren Ausbeute brauchbarer Fotos. Warum? Weil

  1. das Wichtigste an einem Kinderportait (und auch den meisten anderen Portraits) ist, dass es nicht unfreiwillig unscharf ist und die ISO-Automatik zuallererst dies garantiert.
  2. die ISO-Automatik immer absolut verlässlich in jeder Situation den bestmöglichen ISO-Wert zum Erreichen der 1/320s zur Verfügung stellt und weil
  3. bei der D4 bis ISO 3200 praktisch keinerlei Rauschen auftritt und bis 6400 nur sehr moderates.

Das heisst m. a. W. bei den oben genannten Einstellungen erhalten Sie bei guten Lichtverhältnissen automatisch Aufnahmen von ISO 200 mit Verschlusszeiten grösser oder gleich 1/320s und nur bei schlechtem Licht eine unvermeidliche, geringstmögliche schrittweise Anpassung der ISO-Werte nach oben, die Sie für ein scharfes Bild manuell genauso hätten vornehmen müssen. Bloss hätten Sie das schönste Lächeln und die komischste Pose des Kindes vermutlich verpasst, weil es nicht gewartet hätte, bis Sie die ISO-Nachführung manuell vollzogen hätten… 😉 Sie sehen, eine ISO-Automatik ist wirklich hilfreich und macht höchstens besser, was Sie manuell sonst selbst hätten tun müssen.

Natürlich müssen Sie den gewählten maximalen ISO-Wert den Fähigkeiten Ihrer eigenen Kamera anpassen. Bei einer Nikon D90 läge der letzte verträgliche Wert vermutlich um die 1000, bei einer Nikon D300 bei 1600 und bei einer Nikon D700 bei etwa 2200. Diesen Wert können Sie blind einstellen und müssen ihn selten ändern, weil er ohnehin nur zum Tragen käme, wenn die Lichtverhältnisse es erzwingen würden! Ändern und optimal an das Motiv anpassen müssen Sie jeweils nur die Wahl der längsten Verschlusszeit. Bei Kinderportraits (und anderen bewegten) Portraits empfehle ich Werte >1/250s, bei Flugstudien von Tieren je nach Geschwindigkeit und Brennweite Werte zwischen 1/800s und 1/3200s. Bei konstanten Lichtverhältnissen und bei unbewegten/wenig bewegten Motiven habe ich die ISO-Automatik ausgeschaltet.

Die oben kurz erwähnte "Automatik"-Funktion nutze ich selber so gut wie nie, weil sie mir trotz ihrer Finesse nicht wirklich dient. Der dahinter liegende Algorithmus geht nämlich davon aus, dass "übliche", also nicht sehr schnell bewegte Objekte fotografiert werden, sodass die von der Kamera dann gewählten Brennweiten/ Verschlusszeiten-Paare zumindest für meine typischen, eher schnellen Tierszenen nicht geeignet sind. Generell eignet sich dieser Automatik-Modus nur sehr bedingt für Sport- und Tierfotografen, weil sie besonders kurze Verschlusszeiten benötigen.

Ich hoffe, dieser Artikel ist verständlich und hat Ihnen gefallen. Über Anregungen und Kritik freue ich mich. Bei Fragen schreiben Sie mir einfach eine Mail.

 

2 Responses to “ISO-Automatik – ein oft unterschätztes Power-Tool”

  1. […] verschiedenen Programmen, die man manuell einstellen kann. Viele Kameras verfügen zudem über eine ISO-Automatik, mit der die Lichtempfindlichkeit des Bildsensors eingestellt werden […]

  2. Jörg sagt:

    Sehr guter Beitrag! Das ist genau das was ich zu meiner Bestätigung gesucht habe. Ich beschäftige mich gerade mit der Bühnenfotografie von Karnevalssitzungen. Dort gibt es schnelle Bewegungen und ständig wechselnde Lichtverhältnisse.
    VG
    Jörg

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